Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Boch,
die SPD- Gemeinderatsfraktion beantragt, der Gemeinderat möge beschließen:
1. Die Verwaltung wird beauftragt zu prüfen, ob ein kommunales Pilotprojekt zur regelmäßigen Abendbetreuung von Kindern eingerichtet werden kann.
Das Pilotprojekt soll zunächst einmal monatlich an ausgewählten kommunalen Einrichtungen stattfinden und sich an Kinder richten, die bereits eine Kindertageseinrichtung oder Grundschule der Stadt besuchen.
2. Im Rahmen der Prüfung ist insbesondere darzustellen,
- welche kommunalen Einrichtungen (Kindertagesstätten, Grundschulen oder andere geeignete Einrichtungen) hierfür genutzt werden könnten,
- welche personellen und organisatorischen Voraussetzungen erforderlich wären,
- welche Kosten entstehen würden,
- welche Fördermöglichkeiten durch Land oder Bund bestehen,
- welche Altersgruppen sinnvoll einbezogen werden können,
- wie ein niedrigschwelliges Anmeldeverfahren ausgestaltet werden kann.
3. Die Verwaltung wird beauftragt darzustellen, ob und unter welchen Voraussetzungen das Angebot bei positiver Resonanz perspektivisch auf mehrere Termine pro Monat oder auf eine regelmäßige wöchentliche Abendbetreuung ausgeweitet werden könnte.
4. Die Verwaltung berichtet dem Gemeinderat über vergleichbare kommunale Modelle im In- und Ausland und bewertet deren Übertragbarkeit auf die örtlichen Gegebenheiten.
Begründung:
Familien leisten jeden Tag Enormes.
Eltern und Erziehungsberechtigte übernehmen Verantwortung für die nächste Generation unserer Gesellschaft. Sie erziehen Kinder, begleiten sie durch ihren Alltag, fördern ihre Entwicklung und vermitteln Werte, Zusammenhalt und soziale Verantwortung. Diese Sorge- und Erziehungsarbeit bildet das Fundament unseres Gemeinwesens – sie erfolgt jedoch überwiegend unbezahlt.
Gleichzeitig stehen Familien heute unter einem enormen zeitlichen Druck.
Die Betreuungszeiten von Kindertagesstätten und Schulen dienen in vielen Familien nahezu vollständig der Erwerbstätigkeit der Eltern. Nach Feierabend beginnt häufig die zweite Schicht: Einkaufen, Kochen, Hausaufgaben begleiten, Wäsche, Haushalt, Arzttermine, Behördengänge, Elternabende, Pflege von Angehörigen und zahlreiche organisatorische Aufgaben bestimmen den Alltag vieler Familien.
Zeit für Erholung bleibt oftmals kaum.
Besonders Alleinerziehende verfügen häufig über keinerlei familiäres Netzwerk, das kurzfristig Betreuung übernehmen kann. Doch auch viele Familien mit zwei Elternteilen leben heute weit entfernt von Großeltern oder anderen Angehörigen.
Dabei benötigen Eltern nicht nur Zeit für Erwerbsarbeit. Sie benötigen gelegentlich auch Zeit, um ihren Alltag zu organisieren, wichtige Termine wahrzunehmen oder schlicht einmal zur Ruhe zu kommen. Eine Stunde, um in Ruhe einzukaufen, die Steuererklärung zu erledigen, einen Arzttermin wahrzunehmen oder sich einfach bei einer Tasse Kaffee mit einem anderen Menschen auszutauschen, ist kein Luxus. Sie ist ein Beitrag zur eigenen Gesundheit und damit auch zum Wohl der Kinder.
Wer Eltern stärkt, stärkt Kinder.
Eltern, die ausreichend Entlastung erfahren, verfügen über mehr Kraft, Geduld und Gelassenheit im Familienalltag. Davon profitieren Kinder unmittelbar. Gute Familienpolitik beginnt deshalb nicht erst dort, wo Familien überlastet sind. Gute Familienpolitik verhindert Überlastung.
Die SPD-Gemeinderatsfraktion ist überzeugt, dass Kommunen neue Wege gehen müssen, um Familien im Alltag zu unterstützen.
Ein regelmäßiges kommunales Angebot einer freiwilligen Abendbetreuung könnte hierfür einen wichtigen Beitrag leisten. Die notwendige Infrastruktur ist in Form kommunaler Kindertageseinrichtungen und Schulen bereits vorhanden. Ziel ist ausdrücklich keine Ausweitung regulärer Betreuungszeiten, sondern ein ergänzendes Angebot, das Familien in Alltagssituationen entlastet.
Internationale Beispiele zeigen, dass solche Angebote funktionieren. So bietet die Stadt New York unter Bürgermeister Zohran Mamdani mit dem Programm „Parents‘ Night Out“ eine regelmäßige kostenlose Abendbetreuung an und schafft damit gezielt Freiräume für Eltern und andere Sorgeberechtigte. Dieses Beispiel sollte Anlass sein zu prüfen, ob ein vergleichbares Modell – angepasst an die örtlichen Gegebenheiten – auch in unserer Stadt umgesetzt werden kann.
Die Einführung eines zunächst monatlichen Pilotprojekts ermöglicht es, Erfahrungen zu sammeln, den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln und die Akzeptanz eines solchen Angebots zu bewerten. Bei positiver Resonanz kann anschließend über eine schrittweise Ausweitung entschieden werden.
Familien tragen unsere Gesellschaft. Wer Familien stärkt, investiert nicht nur in das Wohl der Eltern, sondern vor allem in die Zukunft unserer Kinder und damit in die Zukunft unserer Stadt.
Mit freundlichen Grüßen
Annkathrin Wulff, Kai Adam, Johanna Kirsch, Nathalie Schönfeld